Red Bull setzt bei der Tour of the Alps auf Pellizzari – und Italien träumt vom nächsten Heimsieg
Bei der Jubiläumsausgabe der Tour of the Alps (20. bis 24. April) rückt der Italiener Giulio Pellizzari besonders in den Mittelpunkt. Während das Team Red Bull-BORA-hansgrohe klar auf den 22-Jährigen baut, fiebert eine ganze Radsport-Nation mit dem jungen Hoffnungsträger mit. Das hat seinen Grund: Seit 2013, als Vincenzo Nibali den damaligen Giro del Trentino für sich entschied, warten die „Azzurri“ nämlich auf einen Heimsieg bei der TotA. „2023 habe ich in der Alpenregion gesehen, dass ich mit den Besten der Welt mithalten kann. Jetzt will ich mehr“, gibt sich Pellizzari selbstbewusst
Der Kletterspezialist spricht nur ungern über konkrete Ziele – zu groß ist sein Aberglaube. Dennoch wird schnell deutlich, dass die Tour of the Alps für ihn weit mehr ist als eine gewöhnliche Rundfahrt. Wenige Wochen vor dem Start bereitete er sich am Teide vor – einem Trainingsort, der als Gradmesser für Fahrer gilt, die später bei den großen Bergetappen der Saison bestehen wollen. Giulio Pellizzari kennt die Bedeutung der TotA genau: Das grenzüberschreitende Etappenrennen liefert eine wichtige Standortbestimmung im Hinblick auf den Giro d’Italia. Wer hier überzeugt, gehört auch bei der Italien-Rundfahrt zum erweiterten Favoritenkreis.
Nach dem starken dritten Platz beim Etappenrennen Tirreno-Adriatico reist Pellizzari mit breiter Brust zur Tour of the Alps. Der „Azzurro“ führt sein Team RedBull-BORA-hansgrohe nicht nur in der Alpenregion, sondern auch beim Giro d’Italia als Kapitän durch das Rennen. In der italienischen Radsportszene ruhen große Hoffnungen auf den Berg-Spezialisten: Nicht wenige sehen in ihm den möglichen Nachfolger von Vincenzo Nibali, dem als letzten Italiener ein Gesamtsieg bei einer der drei großen Rundfahrten gelang.
Auch bei der TotA liegt der letzte italienische Gesamtsieg lange zurück. Vor 13 Jahren, als die Rundfahrt noch in Form des Giro del Trentino ausgetragen wurde, ging das Grüne Trikot letztmals in den Stiefelstaat. Damals setzte sich eben jener Vincenzo Nibali durch und gewann kurze Zeit später auch den Giro d’Italia.
„Ich habe hohe Erwartungen an mich selbst und möchte mit Blick auf das Gesamtklassement auch ein starkes Ergebnis einfahren. Da ich abergläubisch bin, verrate ich mein konkretes Ziel aber nicht“, gibt Pellizzari mit einem Lächeln zu Protokoll und fügt schelmisch die rhetorische Frage hinzu: „Wer war noch einmal der letzte italienische Gesamtsieger in der Alpenregion?“
Zwischen den Zeilen ist Pellizzaris Botschaft klar: Er will im Kampf um das Grüne Melinda-Trikot ein Wörtchen mitreden. Das zeigt auch seine Vorbereitung, bei der er das Streckenprofil bis ins letzte Detail studiert hat: „Ich habe mir die zweite Etappe mit Ziel im Martell ganz genau angesehen und bin die letzten 70 bis 80 Kilometer der Königsetappe nach Trient schon gefahren. Diese Etappe ist äußerst anspruchsvoll, vor allem die zwei langen Anstiege im ersten Teil kosten jede Menge Kraft. Gut möglich, dass die kurzen, explosiven Steigungen im Etappenfinish entscheidend für die Gesamtwertung sein werden“, analysiert Pellizzari.
„Die Tour of the Alps ist eine Rundfahrt auf sehr hohem Niveau. Sie zeigt dir, wo du vor dem Giro d’Italia stehst. 2023 habe ich hier meine ersten Profi-Erfahrungen gesammelt und bei der Etappe nach Predazzo gezeigt, dass ich mit den besten Kletter-Assen der Welt mithalten kann. Auch wenn ich damals die Chance auf den Tagessieg liegen gelassen habe, war es dennoch ein Schlüsselmoment für meine Karriere“, so Pellizzari.
Der „Azzurro“ kann in der Alpenregion auf starke Unterstützung zählen. Neben den erfahrenen Giovanni Aleotti und Aleksandr Vlasov ist auch U23-Weltmeister Lorenzo Finn mit dabei. Seinem Landsmann traut Pellizzari viel zu: „Lorenzo ist unglaublich talentiert und hat großes Potenzial. Ich wünsche ihm, dass er bei seiner ersten Tour of the Alps das erreicht, was ich geschafft habe – im besten Fall sogar noch mehr.“
Mit Blick auf die Gesamtwertung zählt Pellizzari Vorjahressieger Michael Storer, Ben O’Connor und Derek Gee zu den größten Konkurrenten. „Ich erwarte eine sehr offene Rundfahrt, die bis zum Schluss spannend bleibt“, betont er.
Zusätzlich zu oben genanntem Trio könnte die Liste der Top-Favoriten weiter anwachsen: So hat sich unter anderem der Kolumbianer Egan Bernal angekündigt. Dem 29-Jährigen gelang einst bei der Tour of the Alps der Durchbruch – später triumphierte er sowohl bei der Tour de France als auch beim Giro d’Italia. Ob Bernal das grenzüberschreitende Etappenrennen tatsächlich in Angriff nimmt, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.
Egal ob mit oder ohne Bernal im Starterfeld – Pellizzari will sich bei der TotA auf keinen Fall verstecken: „Ich habe im Winter hart trainiert und bin jetzt noch explosiver geworden. Im modernen Radsport sind schnelle Tempowechsel von entscheidender Bedeutung. Das Training mit meinen Teamkollegen Primoz Roglič, Florian Lipowitz und Remco Evenepoel hilft mir dabei enorm weiter. Mittlerweile weiß ich, dass mir nur ganz wenig, bis zur absoluten Weltspitze fehlt. Diese Lücke gilt es, zu schließen.“
Pellizzari bleibt trotz allem zurückhaltend in seinen Aussagen. Doch eines ist klar: Bei der Tour of the Alps will der 22-Jährige hoch hinaus. Was dabei herauskommt, ist nicht nur für seine Karriere von Bedeutung – sondern auch für eine ganze Radsportnation.