Bilbao feiert im Chiesetal, Yates steht vor dem Gesamtsieg

Die lang erwartete vierte Etappe von Naturns nach Pieve di Bono im Chiesetal wurde erwartungsgemäß beim Auf- und Abstieg bei Boniprati entschieden: Der Spanier vom Bahrain-Victorious-Team holte sich dabei den Sieg (mit Widmung an Scarponi). Nur 120 km trennen den Träger des grünen Trikots Simon Yates vom Gesamtsieg

Es war von der ersten Ankündigung der Strecke an die mit am meisten Spannung erwartete Etappe dieser Tour of the Alps – und die vierte Etappe des euroregionalen Etappenrennens, 168,6 km von Naturns (Südtirol) nach Pieve di Bono im Chiesetal hielt was sie versprach. Der Anstieg und die Abfahrt bei Boniprati dürfte die endgültige Entscheidung gebracht haben, was den Gesamtsieg von Simon Yates betrifft. Aber die Etappe hatte noch einiges mehr zu bieten.

Da war der Etappensieg von Pello Bilbao (Bahrain-Victorious), der diesen Sieg einem Freund, Michele Scarponi, der vor vier Jahren tödlich verunglückt ist, widmete. Da war die Erkenntnis, dass was den nächsten Giro d’Italia betrifft, wohl Simon Yates derjenige sein wird, den es zu schlagen gilt. Da war auch die starke Leistung eines großen Champions wie Chris Froome (Israel Start-up Nation), der auf der Etappe mit dem größten Höhenunterschied dieser Tour (3880 Meter) Teil der Fluchtgruppe des Tages war, die ihren Fluchtversuch am Hofmahdjoch, dem höchsten Punkt dieses Etappenrennen, startete.

Neben Froome waren an dieser Aktion acht weitere starke Athleten beteiligt, wie Attila Valter (Groupama-FDJ), Amanuel Ghebreigzabhier (Trek-Segafredo), Luis Leon Sanchez (Astana), Felix Grossschartner (Bora-Hansgrohe) und Hermann Pernsteiner (Bahrain Victorious), Nicolas Proudhomme (Ag2r Citroen), Nicolas Roche (Team DSM) und Marlon Dima (Eolo-Kometa).

Eine starke Gruppe, aber das BikeExchange-Team von Simon Yates erweckte nie den Eindruck, zu viel Raum für Fluchtversuche zu lassen: 2.42 betrug der maximale Vorsprung direkt am Hofmahdjoch, aber bereits im Val di Sole und dann am Passo Campo Carlo Magno kam die Gruppe immer näher heran, bei Pieve di Bono – als es dort etwa 15 Kilometer vor Schluss in entgegengesetzter Richtung erstmals an der Ziellinie vorbeiging – war die Ausreißergruppe schließlich gestellt.

Wie in der ersten Etappe, die nach Feichten ins Kaunertal führte, übernahm Quintanas Arkea-Samsic die Initiative für den Angriff vor dem Boniprati-Aufstieg, und auf diesem schwierigen Anstieg dauerte es nur wenige Minuten bis das Feld stark reduziert war.

Nach einigen Kilometern, die vom Ineos-Grenadiers-Team kontrolliert wurden, verlor der britische Kapitän Pavel Sivakov (Ineos-Grenadiere) bei einem Angriff von Hugh Carthy (EF Education – Nippo) 11 km vor dem Ende den Anschluss. Wahrscheinlich tat sich Sivakov auch deswegen schwer, weil er tags zuvor gestürzt war und unter anderem einige blaue Flecken davon getragen hatte.

Die anschließende Tempoverschärfung, zu der es auf den anspruchsvollsten Kilometern (Steigungen über 9%) kam, wurde von Aleksandr Vlasov (Astana-PremierTech) eingeleitet, und diesmal antwortete der Gesamtführende Simon Yates als erster. Die beiden radelten zusammen bis zur nächsten Bergwertung, verfolgt von Daniel Martin (Israel Start-up Nation) und Pello Bilbao.

In der sehr technischen Schlussabfahrt trennten sich jedoch die beiden Verfolger: Der Ire kam gleich zweimal zu Sturz, während Bilbao seine Aufholjagd begann und noch während des Abstiegs zum Angriff blies: Nach der Etappe erklärte der Baske, dass er diese Taktik genauestens mit Sportdirektor Franco Pellizotti studiert habe.

Seine Stärken in der Abfahrt ermöglichten es Bilbao, zu den beiden Führenden aufzuschließen und sie im letzten Sprint zurückzulassen: Wlasow landete auf Rang 2, Yates holte den 3. Platz.

Ich wollte einen Etappensieg bei dieser Tour of the Alps, gestern habe ich es bis zuletzt versucht, aber es lief nicht gut. Heute wusste ich, dass ich eine gute Chance habe und ich konnte sie nutzen“, sagte der Spanier. „Am Dienstag war ich nach der Etappe in Feichten enttäuscht, aber gestern habe ich mich gut erholt und nun bin ich sogar Zweiter in der Gesamtwertung: Morgen wird es schwierig sein, nochmal die Gesamtwertung zu ändern, aber ich möchte auf jeden Fall meinen Platz auf dem Podium in Riva verteidigen.“

Für ihn war es der zweite Erfolg in seiner Karriere bei der Tour of the Alps nach seinem Sieg 2018 in Folgaria. Die Widmung war jedoch dieselbe: „Heute ist ein besonderer Tag für uns alle. Ich glaube, dass viele von uns heute gerne gewonnen hätten, um Michele Scarponi am Jahrestag seines Todes den Erfolg zu widmen. Michele war für mich ein Teamkollege und eine besondere Person: Heute hat es sich gelohnt, ein bisschen mehr zu riskieren, um ihm diesen Tribut zu zollen“.

Auch Simon Yates zeigte sich zufrieden: „Einen Tag vor Schluss befinden wir uns in einer herausragenden Position. Wir haben das Rennen gut gemeistert, ohne übermäßige Risiken einzugehen. Mit Blick auf morgen ist noch nichts entschieden, sicherlich erwartet uns ein weiterer arbeitsreicher Tag, aber ich bin auf jeden Fall glücklich: Das Gefühl ist wirklich positiv, und diese Tour of the Alps gibt mir die Antworten, auf die ich gehofft habe.“

Eine Etappe vor Schluss führt Simon Yates mit einem Vorsprung von 58 Sekunden vor Bilbao, 1.06 vor Vlasov, 2.18 vor dem Träger des weißen Trikots Würth Modyf Jefferson Cepeda (Androni Giocattoli-Sidermec), 2.37 vor Sivakov und Carthy . Das blaue Trikot der Cassa Centrale Group trägt der Ungar von Eolo-Kometa Marton Dina, während Felix Engelhardt von Tirol-KTM weiterhin das rote Trikot der Sprintwertung von PMG Sport trägt.

Morgen steht das große Finale auf dem Programm: Idroland/Chiesetal – Riva del Garda, vom Idrosee bis zum Gardasee über 120,9 km. Unter anderem sind hierbei der Passo Duron, der Passo del Ballino und der doppelte Aufstieg zum Tennosee, wo zwei Runden absolviert werden müssen, zu bewältigen. Erwartet wird im Trentino eine ereignisreiche Etappe, welche die ideale Bühne bieten wird, um den Gewinner der Tour of the Alps 2021 würdig zu feiern.